Jeder Karateka kennt es, einige tun es, andere (besonders oft "Fortgeschrittene) tun es nicht (so oft)... Aber wozu gibt es Kihon eigentlich ? In einer Diskussion zu diesem Thema las ich kürzlich das Statement, dass "man durch das Kihon eine natürliche Haltung erhält und frei von allen Spannungen wird, vorausgesetzt man hat genügend (hunderte) Wiederholungen gemacht und ist, körperlich und vielleicht auch geistig, fertig".
Ein bekannter Vertreter dieser Lehr-Methode ist u.a. Sensei Tanaka.
Aber ist es so gut, nach dem Training aus dem Dojo "rauszukriechen"?
Zugegeben, als Europäer fühlt man sich gut: Man hat
etwas getan, man war so hart, dass man das Training überstanden hat, ohne aufzugeben.
Was bedeutet Kihon nun genau ? Ki (dt. Energie) ist jedem Karate bekannt. Es kommt in einigen anderen "Karate-begriffen"
auch vor, z.B. Kiai. Hier ist die Energie gemeint, die die Chinesen mit Qi bezeichnen und von der ausgehend Künste wie
Qigong geschaffen wurden. Hon steht für Grundlage oder Basis. Zusammengesetzt ergibt der Begriff Kihon eine Übersetzung
wie "Basis des Ki's".
Das ursprüngliche Ziel des Kihon ist also nicht, Ausdauer zu bekommen, sondern Grundlagen im Umgang mit Qi zu legen (ich
benutze den chinesischen Begriff, da er allgemein gebräuchlicher ist...).
Es geht also nicht darum, die Technik des Kihon mit Kraft auszuführen, sondern die Wirksamkeit der Technik durch die
Verwendung von Qi zu maximieren.
Nur so ist auch erklärbar, warum in den alten Systemen die Meister im Laufe der Jahre
immer weiter voranschritten.
Ihre Techniken wurden immer wirksamer, je älter sie wurden, auch wenn die 50 schon lange
überschritten waren.
In den heutigen Sportkaratesystemen ist das nicht mehr so.
Die Maximal-Kraft und Geschwin- digkeit lassen im Alter nach,
die Technik des Sportkarate verliert immer mehr an Wirksamkeit.
Doch das Qi lässt sich durch regelmäßige Übung immer besser ausnutzen.
Aber wozu soll das Qi verwendet werden? Sind die Übungen des Kihon Kampfübungen oder Übungen die auf den Kampf
vorbereiten?
Die Antwort ist definitiv: nein. Jeder ernsthafte Karateka wird zustimmen, dass sich die Übungen des Kihon
kaum im reellen Kampf anwenden lassen, dafür ist sind die Jiyu-Formen viel besser geeignet.

Doch leider wird genau dieser
Aspekt besonders gern übersehen. Da meinen einige zu wissen, dass Kihon völlig sinnlos sei, weil man die Techniken SO im
reellen Kampf nie ausführen würde. Das ist vollkommen richtig. Nur: das ist auch nicht Ziel es Kihon (oder des Kihon
Ippon Kumite).
Ein weiterer Aspekt des Kihon ist der Gesundheitsaspekt.
Jeder Karateka wird schon einmal gehört haben, dass Karate eine
Gesundheitsübung ist. Das hat schon Itosu in seinem Brief an das Erziehungsministerium geschrieben, als er vorschlug
Karate in den Schulen Okinawas einzuführen.
Der Gesundheitsaspekt liegt in den vielen positiven Vitalpunkt- stimulationen, die bei der richtigen Übung des Kihon
ausgeführt werden.
Wer einmal Meister Kanazawa Hirokazu (10.Dan Shotokan) genau beobachtet hat, konnte bei der Ausführung
seiner Techniken genau diese Stimulationen sehen. Die Frage ist nur, warum die wenigsten seiner oft hochgraduierten
Schüler diese Übungen übernommen haben.
Ein weiterer wichtiger Grundpfeiler des Karate soll im Kihon entwickelt werden: die richtige Atmung. Auch hier treten bei der richtigen Bauchatmung positive Stimulationen der inneren Organe auf, die das Wohlbefinden stärken. Deshalb ist es so wichtig, Techniken nicht hektisch und sehr schnell hintereinander auszuführen. So geschieht es schnell, dass man in die Brust atmet und dadurch seine Mitte verliert, die eigentlich tief unten im Hara liegen sollte. Nur so kann man sein Gleichgewicht wahren. Kihon dient dazu, seine rechte Mitte zu finden, sich des Hara (chin. Dantian, dt. Zinnoberfeld) bewußt zu werden und von hier aus seine Techniken auszuführen
Jede Technik im Kihon (und später jede Technik) soll vom Hara heraus erfolgen und
nicht vom Hirn gesteuert aus den Armen. Dazu muß die absolute Spannung vorherrschen. Jede Verkrampfung, jede
Muskelanspannung kann alles zerstören, die Technik wird ihre zerstörerische Wirkung nicht entfalten können.
Dazu ist jahrelanges Training nötig.
Man muss sich der drei Grundprinzipien des Kihon (Spannung, Haltung, Atmung) bewußt
werden und diese aktiv im Kihon unter Berücksichtigung der bereits beschriebenen Aspekte umsetzen. Genau dadurch lernt
man seinen Körper kennen und beginnt mit seiner Persönlichkeitsentwicklung.
Auf den ursprünglichen Sinngehalt des Kihon kommt man auch bei der Betrachtung seiner Geschichte. Als Boddhidharma ins
Shaolin-Kloster kam, um seine Lehre des Chan-(Zen-) Buddhismus zu verbreiten, waren die Mönche durch das ständige Lesen
und Übersetzen der alten Schrifen, sowie das ständige Meditieren in einer körperlich schlechten Verfassung. Um diesen
Zustand abzuschaffen, führte Boddhidharma die Übungen der Yijinying ein, einer Form des Qigong.
Man vermutet, dass genau
diese Übungen Grundlage für die meisten asiatischen Kampfkünste sind. Genauso wie die Yijinying ist das Kihon eine Übung,
die in erster Linie der Gesunderhaltung des Menschen dient. Hier ist genauso wie im Qigong (dt. Kultivierung der inneren
Energie) das Ziel, den Umgang mit seiner Energie Qi, seinem Körper allgemein und seinem Geist zu lernen und zu üben.
Stumpfes hundertfaches Wiederholen von Techniken ist falsch verstandenes Kihon und führt zu vielem, aber nicht zur wahren
Meisterschaft im Karate-Do. Denn dazu gehört weit mehr als eine durch Kihon-Übungen automatisierte Technik.
Quellennachweis:
Thomas Heinze
www.karate-seelow.de